Von Manfred Becht
Die Dampflokomotive 524867 hatte gestern in Hofheim einen großen Auftritt. Bis in den Führerstand kamen die Eisenbahnfans.
Hofheim. Für den Jogger, der gestern zwischen Kriftel und Zeilsheim an der Bahnlinie entlang trabte, hatten die meisten Passagiere kein Verständnis. Keines Blickes würdigte der Mann den Zug auf der Strecke. Als sei es eine Selbstverständlichkeit, wenn dort eine schwere Dampflok einen Personenzug in Richtung Frankfurt schafft. Dabei fuhr der letzte planmäßige Dampfzug auf dieser Strecke im Jahre 1967.
Freilich brauchte sich der Verein Historische Eisenbahn Frankfurt, der die Fahrt organisiert hatte, über mangelnde Aufmerksamkeit nicht zu beschweren. Als der Zug aus Frankfurt in Hofheim eintraf, war es auf den Bahnsteigen voll wie im Berufsverkehr. «Los, wir gehen rüber, da sieht man mehr», feuerte ein Familienvater im allgemeinen Gewusel Frau und Kinder an. Tatsächlich war vom anderen Bahnsteig aus am besten das Umsetzen der Lokomotive beobachten – da der Zug in Hofheim die Richtung wechselte, musste die Lok abgekuppelt und am anderen Ende des Zuges wieder angehängt werden. Das war auch die Stunde der «Pufferküsser», wie die in der Eisenbahnerszene heißen, die den Loks nachreisen, um sie an allen möglichen Stellen zu fotografieren. Auch in Hofheim hatte sich ein Dutzend von ihnen eingefunden, weitere standen an der Strecke.
Schwarzes Ungetüm
Bevor sich das Ungetüm der Baureihe 52 wieder in Richtung Höchst aufmachte, trauten sich einige Fahrgäste auch in den Führerstand. «Lenken Sie damit ?», fragte eine Frau und deutete auf ein großes Rad im Führerstand. Heizer Jens Schöne erklärte geduldig, dass man Lokomotiven nicht lenken muss, weil sie von den Gleisen schon auf der Strecke gehalten werden.
«Das ist eher wie die Gangschaltung beim Auto», sagte Lokführer Klaus Mühleisen. Er ist im richtigen Leben bei der Bahn stellvertretender Betriebsleiter der Region Hessen, Heizer Jens Schöne fährt Personenzüge im Rhein-Main-Gebiet, und Wolf Hanisch, gestern der dritte Mann im Führerstand, jagt mit Hochgeschwindigkeitszügen von Stadt zu Stadt. Alle drei sind Fans dieser historischen Technik, aber fahrplanmäßigen Alltagsbetrieb möchten sie nicht mit solchen Loks bestreiten. «Es ist alles viel schneller geworden, man hat gar nicht die Zeit», so Mühleisen.
So eine Lok fährt nicht auf Knopfdruck. Schon am Vortag wurde der Kessel angeheizt, damit sich die Maschine langsam erhitzt. «Das muss man ganz gemächlich machen, sonst gibt es Probleme», sagte Schöne. Freilich ist es damit nicht getan, alle paar Minuten schippte er am Sonntag große Kohlebrocken in das Feuer, das unter dem Kessel loderte und auf dem Führerstand für eine sehr angenehme Temperatur sorgt. Zehn Tonnen Kohle passen in den Schlepptender, zwei Tonnen muss Schön an diesem Tag in die Feuerbüchse schaufeln. Von den 30 Kubikmetern Wasser, die die Lok mitführt, werden für die 110 Kilometer lange Strecke etwa die Hälfte in Dampf umgewandelt, der zunächst die Maschine antreibt und dann für die Wolken über dem Zug sorgt, die für den Eisenbahnfan das Bild erst perfekt machen.
Auch als das stählerne Ungetüm im Hofheimer Bahnhof stand, rauchte es hier, zischte es da, die Maschine scheint lebendig zu sein. Viel Respekt haben die Besucher nicht, ein Vereinsmitglied musste die Leute auf Abstand von der Bahnsteigkante halten, als sich der Zug in Bewegung setzte. Das geht zwar nur langsam vor sich, nachdem Lokführer Mühleisen im Führerstand einen großen Hebel umgelegt hat.
Eine gewöhnliche S-Bahn macht sich erheblich zügiger auf den Weg, aber die 67 Jahre alte Güterzuglokomotive ließ viel mehr all die Kraft spüren, die in ihr steckt. Auf 60 Kilometer pro Stunde kommt der Dampfzug dann schon, und das reicht auch. Schon bald nach dem Krifteler Haltepunkt drosselt Lokführer Mühleisen die Dampfzufuhr – wenn ein solcher Koloss erst einmal in Schwung ist, rollt er den Rest der Strecke bis Höchst ohne weiteren Kraftaufwand. Da könnte der desinteressierte Jogger ruhig etwas neidisch werden. . .