Majestätische Dame unter Dampf
Historischer Zug macht in Bürstadt Halt / BZ begleitet Fahrt im Führerstand der Lok
BÜRSTÄDTER ZEITUNG vom 03.12.2007
Der Besuch einer "alten Dame" stellte den Bürstädter Bahnhof wieder einmal in den Mittelpunkt der Dampflokromantik, denn am Samstag machte die Dampflokomotive "01 118" in unserer Gemeinde halt. Die Bürstädter Zeitung begleitete die Reise von Bensheim bis Bürstadt im Führerstand der Dampflok.
Von Hans-Dieter Niepötter
Die Lok befand sich auf ihrer "Adventsfahrt" von Frankfurt nach Neustadt an der Weinstraße. Eine Viertelstunde dauerte der Aufenthalt in Bürstadt. Möglich machte dies Wilfried Staub, Pressesprecher des "Vereins historischer Eisenbahnen Frankfurt", der jahrelang in Bürstadt gewohnt hatte und hier, nach eigener Aussage, "die schönsten Jahre seines Lebens verbrachte".
Sie hat schon etwas Majestätisches, die "01 118", als sie mit ihren 170 Tonnen Gewicht erstaunlich leise auf Gleis drei in den Bensheimer Bahnhof einfährt. Auf der Anzeigetafel der Bahn steht lapidar "Sonderzug" und das Interesse der Bensheimer ist, anders als nur 15 Minuten später in Bürstadt, äußerst gering. Der feste Händedruck von Lokführer Klaus Mühleisen lässt eine Spur von Ruß und Schmierfett zurück, doch das ist nur ein Vorgeschmack auf die nächsten Minuten, denn auf diesen Stahlrössern darf man keine klinische Sauberkeit erwarten - dafür gibt es aber Nostalgie pur.
Schnell legt Heizer Steffen Neumann ein paar Schippen Steinkohle nach, und stampfend setzt sich die Lok mit den angehängten Personenwagen und zahlreichen Fahrgästen in Bewegung. Gerade auch diese Wagen - luxuriöse Salon- und Kanzelwagen - haben eine bewegte Geschichte hinter sich. 1937 gebaut, dienten sie nach dem Krieg unter anderem Konrad Adenauer, Queen Elisabeth II. und dem Papst als Quartier bei ihren Reisen durch Deutschland.
Die "Schnellzug Dampflokomotive 01 118" wurde 1934 von der Lokfabrik Krupp in Essen gebaut und am 24. Dezember des gleichen Jahres in Dienst gestellt. Der Kaufpreis betrug damals 208597 Reichsmark. Nach Kriegsende tat die Schnellzuglok bei der Deutschen Reichsbahn der DDR Dienst und blieb von Umbauten und Modernisierungen verschont, so dass sie 1981 im Originalzustand von den Frankfurter Eisenbahnfreunden übernommen werden konnte. Bis dahin hatte sie mehr als dreieinhalb Millionen Kilometer zurückgelegt.
Die Lokomotiven der Baureihe 01 haben zwar nie planmäßig in Bürstadt gehalten, doch lange Zeit donnerten sie vor internationalen D-Zügen regelmäßig durch unsere Stadt. Ihre Spitzengeschwindigkeit von 130 Stundenkilometer erreicht die "01 118" auf der Riedbahnstrecke nur zur Hälfte, was dem Heizer einen ruhigen Dienst beschert. Den Blick immer fest auf dem zentralen Manometer, genügt ein kurzes Nicken zu Hilfsheizer Eric Eckart, gerne auch als "Lehrling" bezeichnet. Dieser öffnet eine große Klappe, hinter der die Glut lodert. Mit Kraft und Geschick befördert Neumann faustgroße Kohlebrocken in den Schlund und beobachtet den Druckmesser. Sobald sich die Anzeigenadel der roten Markierung 16 Bar nähert, wird erneut genickt und der Lehrling wendet sich wieder anderen Aufgaben zu.
Viel geredet wird nicht auf der Lok. Zeit für Neumann sein Frühstücksbrot auszupacken, das im Schränkchen für Knallkörper liegt. Knallkörper - so lernt der Laie - gibt es heute nicht mehr. "Früher wurden die bei Gefahr auf die Schienen gelegt und warnten nachfolgende Züge mit lautem Knallen vor einer Gefahrenstelle", erklärt Lokführer Mühleisen. Seit Frühjahr 2004 hilft das moderne Zugsicherungssystem "PZB 90" Unfälle zu vermeiden, eines der wenigen Zugeständnisse an die moderne Zeit. Ständig schauen Lokführer und Lehrling von den seitlichen Fenstern auf die Strecke, das Gesicht ungefiltert dem Fahrtwind ausgesetzt und im Vergleich zu den Führerständen moderner Züge ohne jeden Komfort.
Viel zu schnell vergeht die Zeit und unweigerlich nähert sich der Zug Bürstadt, wo eine Viertelstunde Aufenthalt eingeplant ist. Schon von weitem sind die Neugierigen zu sehen, die dicht gedrängt die Einfahrt des Sonderzugs erwarten, der, kaum zum Stillstand gekommen, umringt wird. Jetzt ist die Zeit für die Foto- und Videoaufnahmen, die Staub vorab versprochen hat. Unter die Amateure mischt sich auch das Kamerateam eines privaten Fernsehsenders, das die besondere Stimmung in der "Dampflokstadt" Bürstadt einfangen möchte. Doch bald muss die "01 118" Abschied nehmen, denn sie ist, wie die planmäßigen Verkehrszüge eingebettet in das enge Korsett der Fahrpläne. Heizer Neumann hat wohl ein paar Schippen Kohle mehr aufgelegt, denn laut stampfend und mit mächtig Dampf verlässt der historische Zug die Riedgemeinde Richtung Worms.
Museumszug: Schnellzuglok der Baureihe 01 macht Halt am Bürstädter Bahnhof
Blitzlichtgewitter begrüßt Oldtimer-Zug
Bürstadt. Mit einem Blitzlichtgewitter wie beim Staatsempfang wurde der Museumszug auf dem Weg von Frankfurt nach Neustadt an der Weinstraße auf dem unteren Gleis des Bürstädter Bahnhofs begrüßt. Das war für die vielen Schaulustigen ein besonderes Erlebnis: Unten machte die Schnellzuglok der Baureihe 01 Rast, während über die Brücke der moderne ICE brauste.
Hinter der großen Dampflokomotive waren zwei Schnellzugwagen aus den 1950er Jahren angehängt sowie ein Salonwagen aus den 1930er Jahren und ein Kanzelwagen, wie sie früher auch im bekannten Schnellzug "Blauer Enzian" eingestellt waren.
Die Route der traditionellen Adventsfahrt des Vereins "Historische Eisenbahn Frankfurt" war diesmal auch über die Nebenstrecke von Bensheim nach Worms projektiert worden mit einem Halt in Bürstadt. Daran hatten Bürstädter Eisenbahnfreunde und Wilfried Staub, Ex- Bürstädter und Sprecher des Vereins, gemeinsamen Anteil. Am Bahnhof war auch Bürgermeister Alfons Haag, der als Erinnerung an den Stop im Ried den Bürstädter Bildband mit auf den Weg gab. eib