die ganze Familie: „Da zeigen die Eltern ihren Kindern, wie die Dampfloks damals ausgesehen haben, und Opa und Oma können an ihre eigenen Erinnerungen anknüpfen“, erklärte Wilfried Staub, Sprecher des Veranstalters Frankfurter Historische Eisenbahn.
Und die meisten der Besucher nutzten die Gelegenheit, eine Zugfahrt mitzuerleben: Das galt auch für die Kelkheimer Ruth Lechner und Holger Daube. „Wir waren noch nie mit den Dampfloks unterwegs oder auf dem Fest und haben uns dieses Jahr spontan entschlossen, eine Fahrt zu machen“, erzählte Daube, als es Richtung Höchst ging: „Wir sind von Kelkheim nach Königstein gefahren und haben uns dort das Bahnhofsfest angeschaut. Jetzt fahren wir nach Höchst und dann wieder nach Hause.“ Schon die Fahrt an sich war für die beiden kein alltägliches Erlebnis: „Wir fahren nur selten mit der Bahn“, erklärte Daube, und Lechner fügte hinzu: „An sich ist das Ganze jedoch eine ganz normale Zugfahrt – was den Reiz ausmacht, ist die Nostalgie, die mit den Loks einhergeht.“ Die beiden kennen die Kolosse, die bis 1977 auf den Gleisen der Deutschen Bahn unterwegs waren, nur aus Museen und Filmen: „Als die fuhren, war ich noch so klein“, lachte Daube und hielt seine Hand auf Höhe seiner Kniekehlen. Andere Besucher erinnerten sich noch gut: „Ich war als Kind in der DDR, wo noch in den 1980ern Dampfloks eingesetzt wurden“, schildert die Königsteinerin Marianne Wilke: „Das war für uns Kinder immer ein großes Erlebnis. Jetzt kann ich das wieder erleben – und gerade in Kurven ist das ausgesprochen spannend.“ Da nahmen die Besucher gerne den Ruß in Kauf, den sie abbekamen, wenn sie aus dem Fenster zur Lok schauten: „Ein Mal im Jahr ist das eine tolle Sache“, lachte die Frankfurterin Sabine Mischke. „Ich kann mir aber vorstellen, dass es ziemlich anstrengend war in Zeiten, als ganze Bahnhöfe voller rauchender Loks standen.“ Der Kelkheimer Holger Daube vermisst noch eine Zutat zur vollkommenen Reise zurück in der Zeit: „Ich finde es schade, dass es zu den Loks nicht noch die historischen Wagen gibt – diese hier sind zwar auch älteren Datums, aber ein Originalwagen aus den 1930ern würde das Gefühl noch verstärken.“
Für den Veranstalter des Festes, die Frankfurter Historische Eisenbahn, ist das jedoch nicht in Sicht: „Wir müssen unsere Loks alle vier Jahre über den TÜV bringen – dafür haben wir gerade wieder rund 350 000 Euro bezahlt“, erklärte Wilfried Staub, Sprecher des Vereins, und ein Schaffner fügte hinzu: „Würden wir noch historische Wagen anmieten, würden die Fahrpreise enorm steigen.“ Doch seit einigen Jahren bietet der Verein die Möglichkeit, zusätzlich zu den Loks auch in einen historischen Schienenbus einzusteigen: „Die Busse haben 600 PS und sind dreiteilig – sie haben zwei Triebwagen.“ Viele Gäste stiegen deshalb in Kelkheim um.
TAUNUS ZEITUNG
Printausgabe vom 29.05.2007
Bericht und Fotos von Matthias Elsdörfer
Schwarze Riesen dampfen ein
Königstein. Im Führerhaus brennt der Ofen, die großen Hebel sind ölig, die Kolben stampfen und schnaufen, Dampf quillt aus dem Schornstein: In diesem Cockpit gibt es keine Computer, blinkende Lämpchen oder Tonbänder mit Ansagen für Fahrgäste. Am Pfingstwochenende waren es waschechte Dampfloks und ein Schienenbus, die die Strecke zwischen Königstein und Höchst befuhren. Die Frankfurter Historische Eisenbahn durfte auch beim diesjährigen 27. Bahnhofsfest Tausende Besucher begrüßen, die mit den Loks zurück in die frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts reisten.
Bis weit in die Lande war das kräftige sonore Hupen der Lokomotiven zu hören. In den Waggons saß unterwegs fast niemand still auf seinem Sitz: Schließlich ließen sich die Fenster weit genug öffnen, um heraus zu lugen und den schwarzen Riesen zu beobachten, wenn er in eine Kurve ging. Am Königsteiner Bahnhof warteten zur vollen Stunde die Besucher auf der Brücke vor dem Lokschuppen. Von hier konnte man schon die Rauchschwaden sehen, obwohl die einfahrenden Loks noch weit vom Bahnhof entfernt waren. Und dann rollte sie an, die Lok 01 118, Baujahr 1934. Unter den Menschen, die aus den Wagen ausstiegen, waren auch die kleine Paulina mit ihrer Zwillingsschwester Philippa, ihren Eltern und den beiden Freundinnen Joelle und Celina.
Die Gesichter der Kinder waren gezeichnet vom Ruß und den Kohlepartikeln, die sie unterwegs eingefangen hatten. Ein Preis, den sie gerne zahlten, um die Lok so oft wie möglich aus dem Fenster zu beobachten – denn die vier Siebenjährigen strahlten wie Honigkuchenpferde. „Wir sind noch nie mit so einer Lok gefahren!“, sagte Philippa. Das stimmte: „Wir besuchen das Fest zum ersten Mal und sind begeistert“, erklärte ihre Mutter, die Falkensteinerin Ulla Kiep. „Wir haben die Strecke gesehen, nun kommt das Fest dran.“ Und Paulina fügte hinzu: „Wir holen uns jetzt erst einmal was zu essen.“
Davon gab es am Bahnhof genügend: Als die sechs über das Gelände streiften, kamen sie an Ständen mit Eis, Süßigkeiten und allem, was ein Metzger zu bieten hat, vorbei. In Hülle und Fülle gab es außerdem Souvenirs und Spielzeuge rund um die Eisenbahn: „Inzwischen erhalten wir jedes Jahr unzählige Anfragen von Leuten, die auf unserem Fest Stände installieren wollen – aber wir lassen nur die zu, die direkt etwas mit der Eisenbahn zu tun haben“, sagte Wilfried Staub von der Frankfurter Historischen Eisenbahn am Sonntag. „Ich bin schon jetzt begeistert von den Besuchermassen – auch vom Regen, der hier durchzog, haben sie sich nicht abhalten lassen. Es ist ein richtiges Familienfest geworden. Die Alten zeigen den Jungen, wie das damals mit den Dampfloks war.“ Sie live zu erleben, das sei eben doch etwas anderes als bloß im Museum.
Auch die Gäste von außerhalb hatten genügend Grund, in Königstein zu verweilen: „Das Fest ist klein, und trotzdem gibt es dort alles, was das Herz begehrt und genügend Anlass zu bleiben“, sagte der Kelkheimer Holger Daube. In Königstein wartete Live-Musik, und zumeist lachte die Sonne. Am Bahnhof gab es eine Rangier-Diesellok, mit der Kinder und Erwachsene regelmäßig fahren konnten, und die großen Dampfloks waren in ihren kurzen Ruhepausen auch für Besucher geöffnet, die das Führerhaus besichtigen wollten. „Die Kinder reagieren ganz unterschiedlich“, erklärte die Lokführerin Siegrid Zschernek, die normalerweise im Cockpit eines ICE sitzt: „Viele gehen ganz forsch an die Loks heran, andere eher vorsichtig.“